4 Fakten zur Ungerechtigkeit der privaten Krankenversicherung

Wer in Sachsen-Anhalt einen Termin beim Augenarzt möchte, muss als Kassenpatient mitunter 6 bis 8 Monate warten. Ein Privatpatient kann hingegen mit einem Termin binnen 14 Tagen rechnen. Viele sehen darin eine schreiende Ungerechtigkeit, die beseitigt werden müsse. Also dürfe es laut Logikkette keine Zweiklassenmedizin geben und man müsse demnach die private Krankenversicherung auflösen.

Gesetzliche vs. private Krankenversicherung

Es wird Zeit, das Gerechtigkeitsargument einmal näher zu beleuchten. In Deutschland werden medizinische Leistungen üblicherweise von den gleichen Leistungsträgern erbracht, unabhängig davon, wie jemand versichert ist. Privatpatienten gehen in die gleichen Kliniken, zu den gleichen Ärzten und erhalten den gleichen Zugang zu Medikamenten. Es gibt sicherlich Leistungsunterschiede, aber eben gerade keine unterschiedlichen Behandlungsstränge. Das Gerechtigkeitsargument geht damit schon vom Start her fehl. Anders sieht es in Ländern der dritten Welt oder auch in Großbritannien aus. Großbritannien ist ein Land mit einer Zwangskasse – hierzulande beschönigend „Bürgerversicherung“ genannt. Da gibt es staatliche Krankenhäuser, Ärzte und Versorgungszentren für denjenigen, der auf die Zahlung seiner Leistungen durch die Zwangskasse angewiesen ist. Die Einrichtungen sind in der Regel unterfinanziert und schlecht ausgerüstet. Wer als deutscher Patient in Großbritannien ist, wird da mitunter schon einmal von seiner Versicherung ausgeflogen, weil das Staatssystem nicht den gleichen medizinischen Standard bieten kann, wie es in Deutschland möglich ist. Wer es sich im Königreich leisten kann, besucht daher eine der zahlreichen Privatkliniken oder Ärzte – also eine Art Parallelsystem. Da erhält er beste medizinische Leistungen auf internationalem Niveau. Großbritannien bietet damit ein hervorragendes Beispiel für eine verabscheuungswürdige Zweiklassenmedizin – und dies obwohl oder vielleicht gerade, weil man keine private Krankenversicherungswirtschaft zulässt.

Privatpatienten tragen mehr Kosten in der Gesundheitsbranche

Die privaten Krankenversicherer versichern in Deutschland gerade einmal 10,6% aller Bürger – tragen aber rund ein Drittel der Kosten der Gesundheitsindustrie. Ein Privatpatient trägt also etwa 3 Mal so viele Kosten der Gesundheitsbranche wie ein Kassenpatient. Dieser finanzielle Mehraufwand fließt nicht nur in Ärztegehälter, sondern auch in die Anschaffung moderner Medizintechnik, die dann auch dem Kassenpatienten zur Verfügung steht. Das bedeutet im Klartext, dass Privatpatienten das Gesundheitssystem in Deutschland massiv stützen und damit auch die Versorgung der Zwangsmitglieder der Staatskassen querfinanzieren. Würde die private Krankenversicherung abgeschafft, würde man damit vielleicht die Besserbehandlung der Privatpatienten unterbinden, aber gleichzeitig entfielen dem System diese Mehreinnahmen. Die Versorgung der Kassenpatienten müsste entsprechend zusammengestrichen oder die Beiträge massiv erhöht werden. Rechtfertigt eine reine Neid-Diskussion derart massive Einbußen für Geringverdiener und Durchschnittsfamilien?

Ärztemangel für Wartezeiten verantwortlich?

Doch betrachten wir abschließend einmal, warum Kassenpatienten überhaupt länger warten müssen. Liegt die Ursache wirklich in der Bevorzugung von Privatpatienten? Die gesetzlichen Kassen haben einen Marktanteil von 87%. Nach marktpolitischen Maßstäben hält der gesetzliche Versorger damit eine Monopolstellung und dürfte kaum Probleme damit haben, die Rechte seiner Patienten durchzusetzen. Offenkundig unterbleibt diese Durchsetzung aber. Oft ist im Zusammenhang mit den Wartezeiten dann von einem angeblichen Ärztemangel die Rede. Es gäbe nicht genügend Ärzte. Diese könnten sich daher womöglich ihre Patienten aussuchen und bevorzugten deshalb die besser zahlenden Privatpatienten. Gibt es den Ärztemangel wirklich? Wenn ich mir die Sprechstundenzeiten einer durchschnittlichen Praxis ansehe, komme ich selten auf mehr als 25 Stunden pro Woche. Sicherlich muss ein Arzt auch über die Sprechstunden hinaus noch einige Stunden Zeit aufwenden, aber für viele Verwaltungsaufwendungen kann er Personal einsetzen. Außerdem ist es einem Selbstständigen durchaus zumutbar, mehr als die übliche Wochenarbeitszeit von 40 Stunden zu leisten. Offensichtlich könnten niedergelassene Ärzte mehr arbeiten, wollen es aber nicht.

Budgetierungen sind schuld an Zweiklassenmedizin

Je kassenärztlichem Sitz gibt es Budgetierungen, über welche hinaus dem Arzt keine ärztlichen Leistungen staatlicher Krankenversicherer abgerechnet werden. Wenn der Arzt die Grenze seines Budgets erreicht hat, bezahlen ihn die staatlichen Krankenversicherer also nicht mehr für weitere Behandlungen. Der Arzt hat demnach keinen Grund mehr als 20-30 Stunden pro Woche Behandlung anzubieten, da er sonst unbezahlt bleibt. Aus diesem Grund verschieben Ärzte überschüssige Nachfragen in Folgequartale. Der Kassenpatient muss also auf das nächste oder sogar übernächste Quartal warten, weil seine staatliche Krankenkasse den Arzt nicht bezahlt.

Die ganze Ungerechtigkeitsdiskussion um die „Bürgerversicherung“ genannte Zwangskasse ist demnach nichts anderes als eine Ablenkung. Die gesetzliche Kasse nutzt ihr staatliches Gewaltmonopol aus, um Ärzten die Zahlung einiger Leistungen zu verweigern. Damit produziert sie selbst verhasste Wartezeiten und Schlechterbehandlungen ihrer Mitglieder. Wer mehr Gerechtigkeit will, wird diese also kaum erreichen, indem er die einzige Alternative abschafft und eben jenes Gewaltmonopols stärkt, dass ursächlich die Missstände erzeugt.

 

Wie seht Ihr das Thema? Stimmt Ihr mir zu oder gehen unsere Ansichten auseinander?

3 Kommentare

Avatar von Panagiotis Karageorgos
Panagiotis Karageorgos am 12.12.2018 um 18:39 Uhr

Das ist genial. Von wo habt ihr die Kostenstruktur in der Gesundheitsbranche?

Avatar von Oliver Pradetto
Oliver Pradetto am 18.12.2018 um 22:24 Uhr

Die Kostenstrukturen werden regelmäßig veröffentlicht. Einige Zahlen stammen von statista, andere hat mir dankenswerterweise Herr Frank Kettnacker – Alte Leipziger – zur Verfügung gestellt. 🙂

Avatar von Alexander Kirschweng
Alexander Kirschweng am 13.12.2018 um 12:44 Uhr

In so gut wie allen anderen Lebensbereichen ist es so, dass man für mehr Geld auch mehr bekommt. Sei es in der 1. Klasse bei Bahn, Flugzeug, sei es beim Handy etc. Auch wenn wir nur eine Krankenkasse hätten, gäbe es Zusatzversicherungen, welche dazu führen würden, dass Kunden damit schneller und (zumindest zum Teil) besser behandelt würden. Fast jeder in Deutschland könnte sich ausreichende Zusatztarife leisten, wenn auch mit Abstrichen beim Auto, bei der Elektronik, Zigaretten, Alkohol oder Kleidung. Ich nehme ausdrücklich die Menschen aus, bei denen es wirklich knapp ist. Denen wird öfter auch mal unentgeltlich geholfen (auch von uns Versicherungsberatern).

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