Schadenfälle aus der Praxis: Der selbständige Teigportionierer

Sonstiges 2 Kommentare

Die USA sind bekannt für ungewöhnliche Schadenersatzleistungen im Bereich der Personenschäden. In einem Fall, in den die Gothaer jüngst involviert war, hatte sich ein Teigportionierer selbstständig gemacht und einen Bäckerei-Mitarbeiter schwer verletzt. Wie sich der Versicherer für seinen Versicherungsnehmer, einen deutschen Produzenten von Sicherheitsschaltern, eingesetzt hat…

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Die Firma W. zählt weltweit zu den führenden Produzenten von Sicherheitsschaltern. Einer dieser Schalter war in eine Teigportionier-Maschine in einer Großbäckerei in Chicago / Illinois verbaut und sollte an dieser Stelle verhindern, dass sich die Maschine ungewollt – beispielsweise beim manuellen Reinigungsvorgang – in Bewegung setzt.

Klage auf Schadenersatz

Sobald die Abdeckungen der Maschine abgenommen sind, tritt für gewöhnlich der Sicherheitsschalter in Funktion, selbst wenn der „ON-Schalter“ betätigt wird. Genau das ist einem 17-jährigen Bäckerei-Angestellten versehentlich passiert: Beim Reinigen der Maschine hat er den Schalter berührt, die Maschine hat sich in Gang gesetzt und dem Jungen den rechten Unterarm abgetrennt. Schnell stand eine Fehlfunktion des Sicherheitsschalters im Raum, der Versicherungsnehmer wurde auf Schadenersatz verklagt, daneben der Hersteller der Maschine sowie der Arbeitgeber. Insgesamt 9 Millionen US-Dollar fordert der Geschädigte.

Umfangreiches Gutachten deckt auf

Die Gothaer hat schnell reagiert und zunächst durch einen Gutachter umfangreiche Untersuchungen anstellen lassen. Der Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass der betroffene Schalter keine Mängel aufwies. Er stellt jedoch fest, dass der Arbeitgeber den Schalter manipuliert und außer Kraft gesetzt hatte. Dem Versicherungsnehmer stand zu jeder Zeit deutschsprachige, anwaltliche Hilfe zur Seite. Die Rechtslage in den USA ist eine andere, als in Deutschland.

Die Besonderheit im amerikanischen Recht besteht darin, dass auch die Möglichkeit eines voraussichtlichen Fehlgebrauchs u. a. durch Manipulation, beim Hersteller zu einer Haftung führen kann. Außerdem ist die Prozessdauer in der Regel sehr lang.

Einigung auf Vergleich

Nach einer anderthalbjährigen Prozessdauer kam es zu folgendem Vergleich: Es wird insgesamt Schadenersatz in Höhe von 5,6 Millionen US-Dollar geleistet. Hiervon trägt 4 Millionen der Arbeitgeber, 1,2 Millionen der Hersteller der Maschine und 400.000 der Versicherungsnehmer, der Hersteller des Sicherheitsschalters. Die Gothaer zahlt inklusive der Abwehrkosten in Höhe von 900.000 insgesamt 1,3 Millionen US-Dollar. Alternativ wäre es zu einem langwierigen, sehr kostenintensiven Jury-Prozess gekommen. Hierbei waren für den Versicherungsnehmer existenzbedrohende Schadenersatzzahlungen in Millionenhöhe in Betracht zu ziehen.

Pascal Roth ist auszubildender Kaufmann für Versicherungen und Finanzen in der Antragsabteilung Komposit bei blau direkt.

2 Kommentare

Avatar von Michael Schreiber
Michael Schreiber am 06.10.2016 um 7:44 Uhr

Verrückte Welt! Jemand stellt ein Produkt her und in der Anwendung kommt es zu einer Manipulation und dafür soll der Hersteller des Produktes verantwortlich sein.

Was kommt als nächstes? Ich tune mein Auto bis Anschlag selbst, baue die Bremsen vorne aus weil mir die zu schwer sind, gehe auf die Rennstrecke, verliere bei einem Unfall ein Bein sowie schlimmste Verbrennungen und anschließend verklage ich den Hersteller meines Autos, den Rennstreckenbetreiber und den Reifenhersteller auf 25 Mio Schadenersatz… Und das verrückteste, die müssen tatsächlich alle zahlen.

Schlimmer finde ich aber die Tendenzen, dass wir es den USA hier zunehmend nachmachen anstatt auf den gesunden Menschenverstand zu setzen.
Interessant finde ich auch die direkte Auswirkung aus obigen Schadensfall von USA auf Deutschland. Ein Sicherheitsschalter ist ein Vorprodukt, dass der Hersteller an andere Hersteller liefert, wobei bei der Lieferung nicht darüber entschieden werden kann, wohin der Abnehmer sein Produkt mal exportiert. Und selbst wenn der Erst-Käufer nicht in den USA sitzt, kann ein Weiterverkauf (dann möglicherweise in die USA) nicht verhindert werden.

Konsequenz: Umfangreich versichern! Auch bei den Deckungssummen gerne mal ein Regal höher greifen.

Avatar von Michael Freund
Michael Freund am 11.11.2016 um 9:18 Uhr

Und genau aus diesem Grund bin ich dagegen, daß dieses obstruse Rechtssystem mit TTIP und CETA auf Europa ausgedehnt wird 😉

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